Vorsicht, Hochstapler!

Dies ist eine Geschichte, wie ich auf einen Betrüger hereingefallen bin. Es dreht sich um einen deutschen Auswanderer, der in der Nähe von Alanya lebt und mit ziemlichem Erfolg ein pflanzliches antivirales Mittel verkauft. Ich werde hier nicht den richtigen Namen nennen; wer mich oder diese Person kennt, weiß ohnehin, um wen es geht. Für alle anderen sei es eine Warnung, dass auch „gute Bekannte“ nicht immer das sind, was sie vorgeben zu sein. Der Einfachheit halber nennen wir ihn einfach einmal Felix Krull.

Der folgende Text ist eine Art Denkschrift, die ich diesem Herrn habe zukommen lassen.

Hallo Felix,

zunächst einmal möchte ich Dir noch einmal deutlich machen, dass ich Dein Verhalten als völlig inakzeptabel und eines zivilisierten Menschen als unwürdig empfinde.

Aber da Du auf meine Nachrichten und Mails nicht reagierst und auch die verauslagten Reisekosten für die in Deinem Auftrag durchgeführte Reise nach Bratislava in Höhe von 8.855,76 TL plus 1.050,42 Euro offensichtlich nicht bereit bist, zu erstatten, habe ich mich gefragt, wie ich mich jetzt verhalten soll.

Ich hatte Dir ja geschrieben, dass ich über juristische Schritte nachdenke, habe aber von mehreren Seiten gehört, dass ich ohne eine schriftliche Vereinbarung hier in der Türkei wohl kaum Aussicht auf Erfolg haben werde. Ich denke daher, dass ich den Betrag, den Du mir schuldest, wohl abschreiben muss.

Das heißt allerdings nicht, dass Du Dir die Hände reiben kannst und alles vergessen ist! Ich darf Dir sagen, ich bin Skorpion, ich habe einen Stachel und kann ziemlich nachtragend sein.

Du weißt selbst, dass Du hier einen denkbar schlechten Ruf hast und von etlichen Leuten als Betrüger, Lügner, Hochstapler, Münchhausen und dergleichen bezeichnet wirst. Du weißt auch, dass ich immer einer der wenigen war, die dagegen gehalten haben und gesagt haben „Nein, das kann nicht stimmen. Der Mann weiß, was er tut. Das hat alles sine Richtigkeit“. Nachdem sich jetzt aber gezeigt hat, dass Du Dich nicht schämst, selbst mich zu betrügen, habe ich über viele Kommentare zu Deiner Person, über viele Deiner Behauptungen, über vieles, was Du gesagt und getan hast, neu nachgedacht und bin zu neuen Bewertungen gekommen.

Nachdem mir dann auch noch ein Auszug aus einem Zeitungsartikel von 2002 zuging, in dem Du als „mehrfach vorbestrafter Hochstapler“ bezeichnet wurdest, habe ich selber ein wenig zu Deiner Person, Deiner Vergangenheit und Deinen Behauptungen recherchiert und bin dabei zu erschreckenden Ergebnissen gekommen.

Lass mich zunächst einmal einige Deiner Behauptungen näher betrachten.

.) Nach Deiner Aussage warst Du Pilot und Offizier der Luftwaffe der Bundesrepublik Deutschland, hattest dann einen Unfall, hast danach bei der Bundeswehr Mikrobiologie studiert, das Virologische Institut der Bundeswehr geleitet und dort zur Abwehr von biologischen Waffen geforscht. Durch diese Arbeit hättest Du Dein Wissen über Viren, speziell auch Corona-Viren erlangt.

In München gibt es das „Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr“, welches laut Eigenbeschreibung genau in dem genannten Bereich forscht. Eine Nachfrage bei einer derzeitigen Mitarbeiterin und ein Telefonat mit der Institutsleitung haben ergeben, dass Dein Name dort völlig unbekannt ist. Nun, vielleicht lag Deine Tätigkeit ja vor der Zeit der jetzigen Mitarbeiter oder doch in einem anderen Institut. Dann hat allerdings eine Nachfrage beim Bundesamt für Personalwesen der Bundeswehr zu der wörtlichen Aussage geführt „Dieser Herr hat niemals in der Bundeswehr gedient.“

Ich habe Dich einige Male Englisch sprechen gehört. Du wirst mir sicher Recht geben, wenn ich sage, dass Dein Englisch auf dem Niveau eines recht ordentlichen Schulenglisch liegt, allerdings mit starkem deutschen Akzent. Ich habe mit tatsächlichen ehemaligen Offizieren der BW gesprochen, die mir versicherten, dass die Piloten der Luftwaffe alle ein nahezu perfektes und akzentfreies Englisch amerikanischer Prägung sprechen!

.) Nach Deiner Aussage hast Du längere Zeit in den USA gelebt.

Allerdings gibt es hierzu keine weiteren Angaben, die man ja vielleicht überprüfen könnte, kein Wann, Wo, Wie lange, Warum? Angeblich warst Du in Hartford, CT, einer Stadt, in die sich kaum einmal ein deutscher Tourist verirrt und somit auch kaum jemand peinliche Fragen stellen kann. Dumm nur, dass ich selbst einmal in Hartford war, nämlich zu einer mehrwöchigen Produktschulung bei der Firma Scan Optics Inc. mit Sitz in Hartford. Wann immer das Gespräch darauf kam, hast Du etwas verlegen gegrinst und schnellstens das Thema gewechselt.

.) Nach Deiner Aussage bist Du zweifach promoviert, davon einmal an der Hochschule der BW. Diese Dissertation unterliege der militärischen Geheimhaltung und sei daher nicht veröffentlicht worden.

Bei der BW? Siehe oben „Dieser Herr hat niemals in der Bundeswehr gedient.“ Also auch diese Promotion gelogen. Die zweite angebliche Dissertation ist dann ja wohl ganz normal veröffentlicht worden. Nun, eine Dissertation ist eine wissenschaftliche Veröffentlichung und geht wie jede andere Veröffentlichung in Deutschland als Kopie ins Bundesarchiv. Die Dissertationen sind im Bundesarchiv online einsehbar. Dort findet sich nichts von einem Felix Krull!

.) Nach Deiner Aussage ist Dein Produkt in der Türkei als „Herbal Drug“ zugelassen.

Als Du mich vor längerer Zeit einmal gefragt hast, ob ich ein wenig Pressearbeit für Dich übernehmen würde, habe ich zugesagt und Dich um einige zusätzliche, für die Pressearbeit wichtigen Informationen gebeten, unter anderem auch um eine Kopie der Zulassungsurkunde, des Zulassungsbescheids oder was auch immer hier in der Türkei üblich ist. Trotz Deiner Zusage habe ich bekommen – nichts! Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass ein solches Dokument und eine solche Zulassung nicht existieren.

.) Nach Deiner Aussage ist Dein Produkt in der Slowakei als Medikament zugelassen, und „damit auch in der ganzen EU“, wie Du wörtlich hinzugefügt hast.

Diese Aussage kam mir schon zu dem Zeitpunkt, als Du sie machtest, sehr suspekt vor. Ein Medikament kann für die gesamte EU nur durch die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA zugelassen werden. Eine solche Zulassung erfordert umfangreiche, langwierige, mehrphasige, erfolgreiche Studien, Vorstudien, klinische Studien usw., die umfassend dokumentiert werden müssen, um die Wirksamkeit, Unbedenklichkeit, Nutzen-Risiko-Analyse, Einsatzbereiche, Kontraindikationen und vieles mehr nachzuweisen.

Neben der EU-Zulassung durch die EMA gibt es allerdings in den einzelnen Staaten Zulassungen durch die lokalen Arzneimittel-Behörden, die dann aber nur für das jeweilige Land gelten. Diese Möglichkeit besteht auch in der Slowakei. Allerdings erscheint ein solches auf nationaler Ebene zugelassenes Medikament in einer online einsehbaren Datenbank der Zulassungsbehörde
Štátny ústav pre kontrolu liečiv
State Institute for Drug Control

In dieser Datenbank existiert kein Eintrag über Dein Produkt!

.) Nach Deiner Aussage hast Du den Bürgermeister von Alanya bei seiner Covid-Erkrankung so erfolgreich behandelt, dass er nach wenigen Tagen wieder seine Arbeit aufnehmen konnte.

Laut Aussage des Bürgermeisters hat er zwar Dein Mittel erhalten und eingenommen, danach ging es ihm aber so schlecht, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden musste und dort auf der Intensivstation lag.

.) Darüber hinaus hat man mir von Aussagen berichtet, die ich zwar nicht verifizieren kann, die aber genau in Dein Lügengebäude passen würden. Diese Aussagen sind allerdings derart lächerlich und absurd, dass Du sie heute scheinbar nicht mehr zum Besten gibst, da sie eh niemand geglaubt hat.

Ich denke hier z.B. an die schöne Geschichte, dass Du der Privatpilot des ehemaligen Libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi warst!

Oder auch an die schöne Geschichte von dem geheimnisvollen Buch, das Du in der Nähe von Bagdad (oder war es Damaskus?) gefunden hast und das Dir die Grundlage für die Rezeptur Deiner antiviralen „Medikamente“ geliefert hat.

Neben diesen erwiesenermaßen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit falschen Aussagen und Behauptungen gibt es etliche Aussagen, Zusagen, Versprechen, die mich persönlich betreffen und die ich heute sämtlich in Zweifel ziehen muss.

.) Du hast vor längerer Zeit öffentlich gepostet, dass Du in Zusammenarbeit mit einem großen Pharmaunternehmen die Produktion Deines Mittels in Istanbul begonnen hast. In diesem Post fiel mein Name, nämlich in dem Zusammenhang, dass ich die Produktionsanlagen in Istanbul besichtigen würde.

Auf meine Frage, wie ich denn wohl nach Istanbul kommen sollte (ich war zu der Zeit als 65+ im Lockdown), sagtest Du, Du würdest mir umgehend ein Dokument beschaffen, dass mich vom Lockdown befreit.
Geschehen ist  – nichts!

.) Ich hatte Dich einmal gefragt, welche Corona-Impfstoffe in der Türkei zugelassen sind. Deine Antwort war „Ich kümmere mich darum und sage Dir Bescheid“.
Geschehen ist  – nichts!

.) Ich habe eine Liste der in den Philippinen zugelassenen Impfstoffe von der Botschaft der Philippinen in Ankara erhalten. Einer der aufgeführten Impfstoffe ist laut Informationen im Netz seit Anfang 2021 in der Türkei zugelassen. Ich hatte Dich gefragt, ob dieser spezielle Impfstoff auch hier verfügbar ist. Deine Antwort war „Ich kümmere mich darum und sage Dir Bescheid“.
Geschehen ist  – nichts!

.) Die zu Beginn erwähnte Reise nach Bratislava diente zur Überführung eines hier in der Türkei gekauften Kfz zu einer Firma in Bratislava, die Du angeblich mit einem örtlichen Partner dort gegründet hast, um von der Slowakei aus Dein Produkt in der EU zu vertreiben. Von dieser mysteriösen Firma habe ich bis heute keinen Namen, keine Adresse, keine Telefonnummer – nichts!

Ich war während der Fahrt in die Slowakei ziemlich verärgert, dass es vor der Reise keine sonst übliche Vorbesprechung gab, in der alle Informationen bekannt gegeben und alle offenen Fragen geklärt wurden. Zu dem Zeitpunkt habe ich aber noch gedacht „Na ja, er ist halt Wissenschaftler, aber von Planung und Organisation hat er eben keine Ahnung.“

Heute bin ich davon überzeugt, dass diese Vorgehensweise Teil des gesamten Betrugskonzepts ist und dass diese „Firma“ in Bratislava einfach nicht existiert.

.) Vor einiger Zeit hast Du mich gefragt, ob ich Möglichkeiten sehe für den Vertrieb Deines Produkts in Deutschland. Ich habe Dir gesagt, dass ich Bekannte habe, die sehr erfolgreich im Bereich MLM tätig sind und sich schon seit vielen Jahren dabei auch mit Nahrungsergänzungsmitteln, Vitaminpräparaten und ähnlichen Produkten beschäftigen, also ganz allgemein im Gesundheitssektor arbeiten. Ich habe mit der Bekannten in Deutschland telefoniert und da sie interessiert war, Dich gebeten, sie anzurufen.

Da ich danach nichts nichts mehr gehört habe, habe ich in Deutschland nachgefragt, wie das Telefongespräch gelaufen ist. Die Antwort war, dass Du offensichtlich keinerlei Interesse an einer Zusammenarbeit gezeigt hast, keine Informationen übermittelt hast, keine Preise nennen konntest und die Bekannten daraufhin ihr Interesse verloren hatten.

Insgesamt kann man wohl sagen, dass Dein Verhalten und Deine Aussagen so sind, wie bei jedem erfolgreichen Hochstapler. Das heißt, nach Möglichkeit nichts Schriftliches herausgeben und alle Angaben so vage wie möglich halten, damit ja niemand etwas beweisen oder überprüfen kann.

Das scheint Dir ja bisher auch ganz gut gelungen zu sein, zumindest in der Türkei. Nachforschungen haben ergeben, dass Du hier noch nicht aktenkundig bist, also noch niemand eine Anzeige erstattet hat, obwohl es genug Leute gibt, die genau erzählen können, wie sie um ihr Geld gebracht wurden. Allerdings hat mir ein hoher Polizeibeamter hier in der Türkei geraten, Anzeige zu erstatten. Aber wie gesagt, nichts Schriftliches – keine Aussicht auf Erfolg.

Ob das auch außerhalb der Türkei gilt, sei dahingestellt. Bei Nachforschungen in Deutschland über ehemalige BKA-Beamte bekam ich den dringenden Rat „Finger weg von dieser Person“. Außerdem ist schon auffällig, dass Du niemals das Land verlässt; man kann den Eindruck bekommen, dass Du in anderen Ländern auf der Fahndungsliste stehst oder aber hier mit falscher Identität und falschen Papieren lebst.

Ich möchte nicht, dass Du diese Denkschrift in irgendeiner Form als Drohung verstehst. Ich möchte Dir nur klar machen, dass Dein Lügengebäude zusammenbricht und zumindest hier in der Türkei keine Zukunft hat. Da ich nicht möchte, dass noch mehr Menschen auf Dich hereinfallen, werde ich selbstverständlich Bekannte und Freunde vor Deinen Machenschaften warnen. Ob ich diese Denkschrift in irgendeiner Form veröffentliche, habe ich noch nicht entschieden.

Holger Vorbeck Written by:

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